Hund und Katze leben immer länger
07.12.08 (Allgemein)
Hund und Katze leben immer länger
Dienstag, 2. Dezember 2008 01:41 - Von Von Tinka Wolf
Sheila, die Mischlingshündin, bewies einen unermüdlichen Lebenswillen. Mit etwa zwölf Jahren wäre sie fast an einer vereiterten Gebärmutter gestorben, doch eine Operation konnte sie retten.
- Mit vierzehn hatte sie eine Art Schlaganfall. Später wurde sie ziemlich taub und beinahe blind, außerdem inkontinent und ganz weiß um die Nase. Zum Schluss musste man sie zum Pinkeln vor die Tür tragen. Schließlich entschloss ihr Herrchen sich, das Tier erlösen zu lassen - da war Sheila fast siebzehn Jahre alt.
Für einen Hund ihrer Größe ist das ein biblisches Alter: Etwa 120 Menschenjahre, grob umgerechnet. Doch Sheila liegt im Trend: Es sei statistisch gut belegt, dass Haustiere immer älter werden, sagt Wilfried Kraft, emeritierter Professor und ehemaliger Leiter der medizinischen Kleintierklinik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er hat diesen Trend dokumentiert: “1983 lag das Durchschnittsalter der Katzen, die bei uns vorgestellt wurden, bei 3,8 Jahren”, sagt der Tierarzt. “1995 waren es bereits 7,5 Jahre.” 1967 sei nicht einmal ein Fünftel aller Katzen und Hunde in der Klinik älter als zehn gewesen, dreißig Jahre später bereits gut die Hälfte.
Beschwerden treten häufiger auf
Auch Haustiere haben die verlängerte Lebensspanne der medizinischen Versorgung zu verdanken. Und wie beim Menschen bringt das lange Leben Probleme mit sich - denn auch wenn das Altern selbst noch keine Krankheit ist, tauchen Beschwerden mit den Jahren doch immer häufiger auf.
Die Liste der schweren altersbedingten Krankheiten bei Katz’ und Hund ist lang und liest sich in weiten Teilen wie eine Liste für alte Menschen: Diabetes, Arthrose, Fettleibigkeit, Krebs. Katzen leiden außerdem oft unter Verdickungen der Herzwände, unter Nieren- oder Blasenproblemen oder unter chronischen Erkrankungen der Atemwege, des Verdauungsapparates oder der Mundhöhle. Bei Hunden gibt es häufig Lähmungen, chronische Nierenprobleme, Erkrankungen der Geschlechtsorgane. Herzinfarkte dagegen, verkalkte Gefäße oder Alzheimer plagen unsere vierbeinigen Freunde nicht.
Zum Glück hat die Veterinärmedizin enorme Fortschritte gemacht. Chemotherapien, Computertomografie, künstliche Hüftgelenke - all das hat längst Einzug in die Tierarztpraxen gehalten. “Wir laufen im Gleichschritt der Humanmedizin hinterher”, sagt Ingo Nolte, Direktor der Kleintierklinik an der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Vieles, betont er, hätten Tiermediziner aber auch selbst entwickeln müssen, weil die Methoden der Humanmedizin nicht auf ihre tierischen Patienten übertragbar seien.
Die Möglichkeiten, ein Tier zu narkotisieren, sind so weit verfeinert, dass Tierärzte am offenen Brustkorb operieren. Dadurch können sie viele Krebsgeschwüre entfernen, vor denen sie vor wenigen Jahrzehnten noch kapituliert hätten. Auch Bandscheiben-OPs sind keine Seltenheit. Und die Diagnosemöglichkeiten haben sich entscheidend verbessert - nicht nur dank Computertomografie. Nolte: “Nicht jeder dicke Hund frisst zu viel. Manche haben eine Schilddrüsen-Unterfunktion, die wir früher kaum diagnostizieren konnten.”
Inzwischen spielen auch Chemotherapien eine wichtige Rolle in der Tiermedizin. “Schließlich sind Tumore bei Hunden und Katzen die häufigste Todesursache”, meint Nolte. Im Gegensatz zur Humanmedizin habe aber die Veterinärmedizin nicht das erklärte Ziel, die Lebensdauer ihrer Krebspatienten zu verlängern. Vielmehr wolle man die Lebensqualität der Tiere verbessern. Den Tierärzten reicht es, den Tumor zu stoppen.
Gute Versorgung hat ihren Preis: Die Behandlung ihrer vierbeinigen Lieblinge kostet Haustierbesitzer deutlich mehr als früher. “Aber die Bereitschaft steigt auch, das zu bezahlen”, sagt Ingo Nolte. Ältere Tiere leben schließlich sehr lange in ihrer Familie, ihre Besitzer hängen sehr an ihnen. Und so wird eine Spirale in Gang gesetzt: Die Tiere werden dank guter Versorgung immer älter, woraufhin sie neue Krankheiten entwickeln, die aber immer besser behandelt werden können.
Was ist bei Hund und Katze alt?
Doch wann gilt ein Tier überhaupt als alt? Die Angaben schwanken bei Hunden um eine Altersgrenze von sechs bis neun Jahren, bei Katzen von acht bis zehn. Wilfried Kraft will die Definition so fassen: “Ein Tier ist alt, wenn es multimorbide wird”, sagt er - also, wenn es immer mehr Beschwerden anhäuft. Nach den Erfahrungen des Tiermediziners ist das bei Hunden mit sechs bis neun Jahren der Fall, bei Katzen erst ab ungefähr elf Jahren.
Tatsächlich werden Katzen in der Regel älter als Hunde und können unter Umständen mehr als zwanzig Jahre erreichen. Hunde knacken diese Altersgrenze eher selten. Bei ihnen ist die Lebensdauer stark von ihrer Größe abhängig: Je größer der Hund, desto früher stirbt er. Warum das so ist, ist bis heute nicht ganz klar. “Die Größe beeinflusst die Widerstandsfähigkeit des Hundes”, sagt Kraft. “Das hat mit den Wachstumshormonen zu tun”, sagt Nolte. Genauer erklären kann das Phänomen keiner.
Weil die Hunderassen aber eine sehr weite Spanne von Körpergrößen und -formen umfassen, gibt es bei ihnen auch deutliche Unterschiede in der Lebenszeit. Während der eine Hund mit zehn Jahren in der Blüte seiner Jahre steht, kann der andere in diesem Alter bereits sehr alt sein. Die ganz großen Rassen, wie Doggen und Bernhardiner, werden nur sehr selten viel mehr als zehn Jahre alt.
Bei Katzen sind die Unterschiede nicht so gravierend: Ihre Besitzer können auf gute 15 Jahre Zweisamkeit mit dem Hausgenossen hoffen. Nolte und Kraft sind sich allerdings einig, dass manche Rassen robuster sind als andere. Perserkatzen gehören nicht dazu, sie sterben im Schnitt ein wenig früher. Dafür sind Siamkatzen und andere Orientalen für ihre Zähigkeit bekannt: Sie werden von allen Rassen am ältesten.
Wenn das Haustier Alterserscheinungen zeigt, empfehlen Tierärzte regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen - zwei Mal im Jahr - und außerdem ein gutes Seniorenfutter. Wilfried Kraft weist auch darauf hin, dass auch ältere Hunde viel spazieren gehen sollten, um fit zu bleiben. Davon abgesehen, sind alte Tiere wie alte Menschen: Sie werden gelegentlich etwas schrullig, schusselig oder gar starrsinnig. Aber man liebt sie trotzdem!
Quelle: Morgenpost
Kirsten Eichler
Tierpsychologin mit zertifiziertem Diplom
mail to: kirsten.eichler@canis-world.de
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